Erste Fahrt zur Holocaust Education nach Berlin

Vom 27.6. bis zum 30.6. waren HG-Schüler*innen mit dem Londoner Rabbi Frank Dabba Smith in Berlin und beschäftigten sich mit Fragen zum Holocaust. Im Fokus standen dabei die Themen Verfolgung und Widerstand. Immer wieder brachten uns die Gespräch über die historischen Ereignisse jedoch letztlich zu Fragen nach einem toleranten und weltoffenen Umgang miteinander in unserer Gegenwart, so dass die Fahrt von vielen anregenden Diskussionen geprägt war.

Rabbi Frank Dabba Smith hat uns mit seiner zugewandten, offenen Art immer wieder ermutigt, auf Leute zuzugehen, miteinander ins Gespräch zu kommen, anstatt nur aufgrund von Annahmen über andere zu urteilen. Diese Empfehlung gab uns auch der Autor und langjährige ARD-Korrespondent Hermann Vinke, den wir in der Gedenkstätte deutscher Widerstand trafen und der uns am Beispiel von Sophie Scholl und der Weißen Rose zum Widerstand gegen das nationalsozialistische Regime informierte und in der anschließenden Diskussion auch die Bedeutung von rechtzeitigem Widerstand gegen rechtsextreme Entwicklungen unterstrich. Hermann Vinke ist Autor von mehr als zwanzig Büchern und war als Korrespondent in Japan und den USA tätig. 

 

Widerstand

Wie unterschiedlich Widerstand gegen ein totalitäres, faschistisches Regime aussehen kann, lernten wir zum einen im Museum der Bürstenfabrik Otto Weidt, einer Blindenwerkstatt, deren Besitzer blinde und taube Menschen, zum Teil jüdischen Glaubens, vor Verfolgung und Ermordung schützte. Zum anderen gingen wir in der Gedenkstätte deutscher Widerstand den Lebenswegen und Motiven einer Vielzahl von Menschen nach, die sich auf unterschiedlichste Weise den Vorstellungen und Handlungen des NS-Regimes widersetzten und dies oftmals mit dem Leben bezahlten, ob sie nun schlicht ihr Abitur machen wollten obwohl ihre Schule geschlossen worden war, ob sie jüdischen Mitmenschen ein Versteck boten oder ob sie den Versuch wagten, das Regime als Ganzes anzugreifen. Wir fanden unter den Widerstandleistenden Personen jeden Alters (ein Junge, der in HJ-Uniform getarnt Flugblätter transportierte) und Geschlechts sowie mit sehr vielen verschiedenen Motivationen. Im Kontrast zu den Bildern der NS-Propagandaveranstaltungen mit tausenden euphorischen Teilnehmenden wirkten die Portraitfotos der Widerstandleistenden sehr vereinzelt und die Frage kam auf, was wohl letztlich darüber entscheidet, auf welchem Bild man sich wiederfinden würde.

 

„Wenn man nicht persönlich negativ von den Aktionen des NS-Regimes betroffen war, war die Wahrscheinlichkeit, dass man Widerstand leistete, sehr gering.“               eine Teilnehmerin

 

Am Denkmal für den Widerstand von ca. 1000 Ehefrauen jüdischer Männer gegen deren Verhaftung in der Rosenstraße erfuhren wir, dass selbst noch während des Krieges Protest und Widerstand von Betroffenen erfolgreich verlaufen konnte. Die offenen und lauten Proteste der Ehefrauen für die Freilassung ihrer jüdischen Ehemänner, die nicht geahndet wurden, zeigen, dass das Regime gegen vehementen und zahlreichen Protest nicht gefeit war. Die Ehemänner, von denen einige schon nach Auschwitz-Birkenau deportiert worden waren, kamen frei.

 

Gedenkstätte KZ-Sachsenhausen

Die Gedenkstätte zum KZ Sachsenhausen versetzte uns in sehr unterschiedliche Gemütszustände. Von Fassungslosigkeit angesichts der sadistischen Handlungen des Wachpersonals bis zu Verwunderung darüber, dass man an so einem Ort nicht anfängt zu weinen, obwohl man es von sich erwartet hatte. Bei strahlendem Sonnenschein und flimmernder Hitze zeigte sich uns das Gelände zum Teil surreal, da es schwierig war, sich auf dem großen leeren Platz die grausamen Ereignisse vorzustellen, von denen im Dokumentationsraum berichtet wurde.

Franks einfühlsame und stets lebensbejahende Art führte auch an diesem Ort zu einigen bewegenden Gesprächen, zum Beispiel über die Verbindungen der eigenen Familiengeschichte mit Orten wie diesem oder Fragen nach persönlichen und gesellschaftlichen Werten und wie diese vermittelt werden sollten.

 

Besuch der Synagoge am Fraenkelufer

Besonders eindrücklich war dieser Besuch der Gedenkstätte sicher auch deshalb, weil wir am Vorabend erfreulicherweise die Chance bekommen hatten, einem jüdischen Gottesdienst beizuwohnen. Ohne Voranfrage gingen wir am Vorabend des Sabbat mit Frank zur Synagoge der jüdischen Gemeinde am Fraenkelufer. Erschreckenderweise waren in der Straße zwei Polizeiwagen sowie vier Polizisten zum Schutz der Synagoge anwesend. Ein Umstand, der für einige Gespräche sorgte. An der Pforte fragte Frank dann auf Hebräisch, ob wir als Gäste in die Synagoge dürften. Nach einigen Rücksprachen durften wir dann tatsächlich dem Gottesdienst zuschauen, was für alle eine spannende Erfahrung war. Die Sicherheit wurde neben der Polizeipräsenz noch durch einen weiteren Wachmann, einen Personenscanner wie am Flughafen und Taschenkontrollen gewährleistet. Dieser Prozedur mussten sich alle unterziehen, die die Synagoge betreten wollten, ob Gäste oder Teilnehmer*innen. Die Gemeinde gehört dem konservativen Judentum an, so dass zum Beispiel Frauen und Männer nicht zusammen sitzen. Der Gottesdienst verlief mit vielen Gebeten und Liedern auf Hebräisch, die alle sehr fröhlich und aufmunternd waren. Die Atmosphäre war zumindest für die Gemeindemitglieder sehr entspannt. Für uns war es spannend und interessant, obwohl wir nicht ein Wort verstanden und wir etwas angespannt waren. Die anschließenden Gespräche auf dem Rückweg und beim Abendbrot am Ufer des Landwehrkanals drehten sich um Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen Religionen und die Mechanismen der Exklusion gesellschaftlicher Gruppen sowohl zwischen 1933 und '45 als auch heutzutage.

 

Erinnerung wachhalten – aber wie?

Immer wieder besuchten wir auch Denk- und Mahnmale zu unterschiedlichen Aspekten des Themas. Neben dem Denkmal für den Protest der Ehefrauen in der Rosenstraße besuchten wir auch das Denkmal für das Wirken jüdischer Bürger in Berlin auf dem Koppenplatz, das aus einem Tisch und zwei Stühlen besteht, von denen einer umgekippt auf der Lehne liegt, wie als wäre jemand hektisch aufgesprungen. Die Einfachheit und Alltäglichkeit der Skulptur regte einige Interpretationen an.

Dem zentralen Denkmal zum Thema unserer Fahrt, dem Denkmal für die ermordeten Juden Europas oder Holocaust Mahnmal, näherten wir uns über den Besuch kleinerer Mahnmale für andere Gruppen an, die unter dem NS-Regime verfolgt und ermordet wurden. Zunächst standen wir also vor dem Reichstag, wo sehr unscheinbar zwischen den Containern für die Sicherheitsschleuse unregelmäßige Platten standen, die für jeweils einen Reichstagsabgeordneten standen, der oder die ermordet wurden. Unter ihnen fanden wir auch Menschen, die im KZ Sachsenhausen, dessen Gedenkstätte wir am Vortag besucht hatten, starben. Die Mahnmale für die ermordeten Roma und Sinti sowie homosexuelle Menschen fanden wir etwas abseits im Tiergarten, bevor wir dann zwischen den Betonstelen des Holocaust Mahnmals diskutierten, wie sinnvolles Gedenken und Erinnern aussehen könnte.

 

Insgesamt war es eine wirklich anstrengende Fahrt, die die Gruppe wirklich hervorragend gestaltet hat. Durch ihre Bereitschaft, sich mit dem schwierigen und belastenden Thema Holocaust auseinanderzusetzen und ihre umsichtigen und für alle gewinnbringenden Diskussionen haben die HGler*innen in Rabbi Frank und Herrn Vinke zwei sehr interessante Menschen gewonnen, so dass erneute Treffen geplant werden.